Writing

This is an obscure diary.

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# 06. Jan 2016 18:10

Das Beste an uns ist vielleicht aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können; die Sonne ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.

Und er nahm sie zärtlich in die Arme
Und sie sahn einander fragend an
Doch sie fühlten Herzen die sich lieben
Trennen Grenzen nicht und Ozean

Der Wirt reißt das Kabel der Musikbox aus dem Stecker. Der Mahatma weiß, daß es Zeit ist. Tristanos Kopf liegt auf dem Tresen. Die Wirtin räumt die Gläser in die Spüle. In der Ferne heulen Sirenen. Kratzky, der Stillste im Lande, streichelt den schrundigen Kopf der Katze, an deren Mäulchen noch ein Bein der Spinne zittert.

Die Laternen auf der Brücke strahlen noch milchiges Licht aus, aber im Osten hellt sich der Horizont schon auf. Vom Regen geschwollen, rauschen die schwarzen Wasser der Isar über die Kiesbänke. Die Pappeln werden vom Wind getrocknet.

Die Nattern des Wahnsinns werden Sie beißen, krächzt Mahatma.

(Tristano und Fauser)

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# 07. Aug 2016 23:13

An einem Tag im Frühjahr des Jahres streifte mein Blick zunächst den seltsam vertrauten Bordstein und die Hecke auf der anderen Straßenseite, dann das dreistöckige, senfgelb gestrichene und mit den Jahren verblasste Haus der Nachbarn gegenüber, mit der in aus Steinen derselben Farbe gemauerten Grundstücksbegrenzung davor, den Kirschbaum im Garten des nächsten Hauses, dessen Früchte immer sauer schmeckten, und blieb dann an der Silhouette meiner Großmutter hängen, die im Rückspiegel des Autos im Abendlicht vor der tiefstehenden Mai-Sonne an den Zaun gelehnt dastand mit leicht gesenktem Kopf, ganz in sich gekehrt und wenn nicht traurig, so doch voller Wehmut. Im gleichen Moment dann sah sie plötzlich auf und winkte uns noch, und während wir uns langsam entfernten, überkam mich eben jene Traurigkeit, die eben noch von der Gestalt meiner Großmutter ausging. In einer Sekunde zog ein ganzes Leben an mit vorüber: Ich dachte an das junge Mädchen mit der strengen Mutter und dem Vater, der die ganze Kindheit des Mädchens im Krieg verbracht hatte. Ich erinnerte mich an ihre Erzählungen vom Leben auf dem Bauernhof einige Kilometer entfernt mit dem Bruder, der Arbeit auf dem Feld und dem Maler, dem sie einst zugesehen hatte, als dieser die Mühle zeichnete und ihr Farben und Pinsel schenkte. Viele Jahre später und nachdem sie drei Kinder geboren und aufgezogen hatte, würde sie zu malen beginnen. Ich erinnerte mich daran, wie sie als Kind den Zigeunerwagen hinterher geschaut hatte und so gerne mitgegangen wäre, es aber ihrer Mutter willen nicht getan hatte, denn das hätte sie ihr ja doch nicht antun können. Ich erinnerte mich daran, wie sie erzählte von den Verwandten aus Köln, die in den letzten Kriegsjahren in das Dorf geflohen waren und ihrer Mutter so viel Arbeit gemacht hatten und daran, wie der Vater aus dem Krieg nach Hause kam und sie es schon zuvor im Gefühl und sich an jenem Abend geweigert hatte, zu Bett zu gehen. Ich erinnerte mich, wie sie erzählte, wie alle aufgeschrocken waren, als es dann unerwartet an der Tür klopfte. Ich erinnerte mich daran, wie sie mit dem Bus ihres Onkels in die Stadt fuhr und die Fahrkarten verkaufte und dabei meinen Großvater kennenlernte. An ihre furchtbare Migräne in jungen Jahren und das Wunder, als das sie es empfand, was und dass mein Großvater als junger Mann etwas mit ihr anfangen wollte, die doch so oft nur jämmerlich im Bett lag und sich manchmal auf dem Heimweg von der Volksschule in den Graben legen musste wegen der Kopfschmerzen und lieber sterben wollte. Ich erinnerte mich an Ihre Klagen, nicht die weiterführende Schule besucht haben zu dürfen und an ihre Erzählungen vom Volksschullehrer, der den Kindern wütend geklagt hatte, dass es eine Schande wäre, als die jüdische Familie des Dorfes von den Schergen der NSDAP am hellichten Tage verschleppt wurde und wie sie sagte, wie mutig diese Klage des Lehrers gewesen sei, denn die Kinder hätten davon zuhause erzählen können und von der Gefahr, die davon ausgegangen wäre. Ich erinnerte mich daran, wie sie vom Glück der Kinder erzählte und von ihrer Wut auf ihren Mann, als sie zum dritten Mal schwanger wurde und es doch nicht mehr wollte und wie dann alles verflogen sei, nachdem ihr Vater ihr die Leviten gelesen hatte und als das kleine Bürschchen dann da gewesen wäre. Ich erinnerte mich an die geschmierten Brote mit üppigem Nutella-Aufstrich, die niemand so zubereiten konnte wie die Oma, die sie mir wurde, und an die goldene Hochzeit von Großvater und Großmutter, die sie in feinem Zwirn und im Kreise der Familie in der Turnhalle des Ortes feierten. Ich erinnerte mich an die vielen liebevollen Momente an Weihnachten mit der ganzen Familie und ihr Unverständnis, dass niemand aus der Familie daran dachte, an diesem Tag in die Kirche zu gehen. Ich dachte daran, wie meine Großmutter, die nie eine höhere Schulbildung genießen durfte, zusammengesunken darüber nachdachte, was Schuld sei und wie in diesem Moment die ganze Schwere unserer Welt auf Ihren Schultern lastete. Ich sah meine Großmutter, die vergesslich wird und darunter leidet, die manchmal unverbesserlich ist und doch ein Kind geblieben ist voller Fragen und Neugierde. Ich empfand die Traurigkeit des Abschieds, die ihre Gestalt umgab, während sie sich langsam im Rückspiegel entfernte. Ich sah ganz plötzlich nicht mehr Ihr Lächeln alleine, ich sah die Güte eines langen Lebens und die Zweifel der späten Tage.

Jedes Mal, wenn ich wieder gehen muss und aufbrechen und der Abschied mir schwer fällt, fühle ich eine Schwere, mehr noch als die Traurigkeit des Abschieds: Das Gefühl, dass da mehr Vergangenheit hinter mir als Zukunft vor mir liegt.

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# 28. Feb 2015 21:20

Es vergeht, aber
es geht nicht vorüber.

Präliminare der Melancholie des Widerstands

(László Krasznahorkai)

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# 29. Nov 2014 23:44

Jede Pore dieses Ortes atmet Jugend. (Meine frühe Jugend auf dem Dorf.) Ich sehe eine der reduziertesten und doch großartigsten Performances aller meiner Zeiten. Der Moment spannt einen Zeitraum von 20 Jahren und unzählige Kilometer. Ein Panoptikum aus Bohnerwachsgeruch, dem geliebtem Buchenholzparkett einer Kindheit, Musik und einem so viel späteren Berlin. Und zum ersten Mal seit langer Zeit erinnere ich mich an meine schon Jahre alte Vorstellung vom magischen Theater des Steppenwolfes.

Allie @ Kugelbahn Berlin

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# 03. Dez 2013 16:07

 

Die Aufzeichnungen des scheidenden Jahres
(Auszug.)

 

Viele weitere bemerkenswerte Dinge geschahen in diesem Jahr. Doch wir wussten nichts davon.

 

Im Morgengrauen des 3. Oktober 1982 fuhr ein Auto klappernd über das Kopfsteinplaster der Mainzer Straße im Stadtteil Friedrichshain, einem gemeinen Arbeiterviertel im Osten Berlins. Vereinzelte Passanten gingen geduckt vor der Kälte des nahenden Winters und zuckten unmerklich zusammen, als das Gefährt an ihnen vorüberzog. Die Wärme der Heizung kroch erst allmählich unter den Mantel und in die Glieder der Fahrerin, als diese um eine Ecke in die Boxhagener Straße einbog und sich eine Zigarette anzündete. Der Qualm beschlug unmittelbar die Scheiben. Unterdessen hoben sich die weißen Konturen der Reihenhäuser eines kleinen Ortes im fernen Korea sanft von den üppigen grünen Hügeln ab wie beinahe jeden Tag in den vergangenen 9 Jahren. Nicht weit entfernt suchte eine Eisenbahn Ihren gewundenen Weg durch die bergige Weite in Richtung der Küste. Das aus dem Innern dringende Leuchten erhellte die Abenddämmerung wie nur das Licht aus dem Innern der Zugabteile es vermochte.

Von Norden näherte sich ein Tiefdruckgebiet, das Deutschland in den folgenden Tagen die frühesten Schneefälle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen bringen sollte. Bis heute fiel der Schnee nie früher als in diesem Jahr.

Am frühen Morgen des 30. Oktober 1091 hing kühler Nebel über den Wiesen und dem Fluss rundherum einer kleinen Ortschaft in den Bergen Japans. Hiroyoki war früh aufgewacht. Er saß auf der Treppe des kleinen Hauses am Rande der Siedlung, ließ seinen Blick über das Wasser gleiten und dachte an nichts. Hätte er in Richtung der Berge und des Tales gesehen, durch das das Wasser seinen Weg fand, um ein gutes Stück weiter den Hang hinab zu seinen Füßen entlang zu ziehen, hätte er ebenso wenig gesehen wie sein Geist in diesem Moment, denn die Hänge der nahen Berge blieben im Nebel verborgen.

Später einmal würde man der Siedlung den Namen Chukutsuya geben, und sie sollte zur Präfektur Wakayama gehören. Um sie von anderen Orten des gleichen Namens in Japan zu unterscheiden, würde man sie Kii-Chukutsuya nennen, da sie sich auf der Kii-Halbinsel im südlichen Teil Kansais befand. Die Steine und Bäume kümmerte das nicht. Nicht einmal der Fluss nahm davon Notiz.

Am 12. September 2005 veröffentlichte die Band Sigur Rós ‚Takk‚. Zum Titel ‚Gong‚ durchbrach die Sonne den Morgennebel am 30. Oktober 2013 nicht unweit von Chukutsuya in der Präfektur Wakayama in Japan.

Im Halbdunkel eines kleinen Hauses am Rande eines ganz durchschnittlichen Ortes in der Nähe von Budapest – nur wenig Licht fiel durch die hölzernen Fensterläden – saß ein Mädchen auf einer Matratze mit angezogenen Beinen und fand keine Antworten auf ihre Fragen. Lange braune Haare fielen ungeordnet von ihren Schultern.

Ein Junge saß im Schneidersitz auf dem Boden seines Zimmers und fragte sich, was Magyar Posta für ein geheimnisvolles Land sein mochte, während er Briefmarken ablöste und in ein Album sortierte nach einem ganz eigenen System, in dem Farben, Form und Größe eine Rolle spielten und Harmonie suchten.

…und ein Bach zieht neben dem großen Wallnussbaum vorrüber, fast so wie oben am Wald am Ende des Weges, der weiter unten vorbei am Bauernhof auf die große Straße führt.

In der ein Stockwerk höher gelegenen Wohnung hörte im selben Moment die Saite einer Gitarre unter den neugierigen Augen eines alten Mannes zu schwingen auf. Er seufzte, nahm die Lupe herunter, stand kopfschüttelnd auf und ging ziellos ins nächste Zimmer, stand dort unschlüssig, ging zurück, setzte sich auf den Stuhl und schaute noch einmal zögerlich durch die Lupe nach der Saite. Darüber vergaß er seine Gedanken.

Ich ging parallel des Flusses und dachte über die Stille nach. Immer nach Süden, die zweite Brücke, dann werde ich den Weg nicht verfehlen.

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# 19. Okt 2013 23:44

Von den folgenden Sätzen entspricht jedes Wort der Wahrheit.

 

Aufzeichnungen einer Korea-Reise

 

Young-Jun Minh ist einer der erfolgreichsten Geschäftsleute Seouls. Er war aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Hongdae – einstmals ein gewöhnliches Arbeiterviertel mit engen, schmutzigen Gassen inmitten der Metropole am Han-Fluss, der unbekümmert des steten Treibens ruhig dahinfließt, tagein und tagaus. Im Herbst – der Zeit der Taifune – wird er zuweilen aufbrausend, und im Frühjahr, gespeist vom Schmelzwasser seiner vielen Zuflüsse, schwillt er an und zieht dann bedrohlich dahin. Young-Jun Minh hatte es im Angesicht des Flusses innerhalb weniger Jahre zu beachtlichem Reichtum gebracht. Dabei schien er bei allen Dingen, die er versuchte, immer eine glückliche Hand zu haben und im rechten Moment zu handeln.

Über Suk Mi Xiu war wenig bekannt. Man wusste, dass er von weit her kam, vermutlich aus Europa. Seinen Namen hatte er selbst gewählt und nach einiger Zeit in Asien angenommen. Er war von hagerer Gestalt, trug zerzauste Haare und seinen spärlich wachsenden Bart schnitt er nur selten. Er beherrschte die koreanische Sprache auch nach einiger Zeit kaum, und oft vergingen kurze Momente, bevor er auf eine Frage antwortete oder nur mit offenem Blick verschmitzt lächelte und dann nickte oder den Kopf schüttelte. Das Bemerkenswerte an seiner Erscheinung war eine fein gezeichnete Siegesrose, die hinter dem rechten Ohr hinab seinen Hals zierte, und an heißen Sommertagen fand man entlang der angedeuteten Linien der Rippen in blasser Tinte das Wort ‚Saeglopur‘ unter seinem Herzen geschrieben.

In einer kleinen, ansteigenden Gasse Hongdaes lag ein kleiner, spärlich beleuchteter Buchladen im Erdgeschoss eines alten Hauses. Von den Treppen vor dem Eingang reichte der Blick die Straße hinunter über die Dächer der tiefer gelegenen Häuser. Die zwischen den Giebeln gespannten Stromkabel zeichneten ungeordnete Linien in den Abendhimmel, der sich bei Sonnenuntergang erst gelb und dann tiefrot färbte.

In dieser Buchhandlung mietete Suk Mi Xiu einen kleinen Raum im hinteren Bereich des Hauses und zahlte die Miete für ein ganzes Jahr im Voraus. Es war der 10. Mai 1988. Das ältere Ehepaar, dem der Buchladen gehörte, erließ ihm einen Teil der Miete. Im Gegenzug half Suk Mi Ihnen im Haus, trug schwere Lieferungen hinein und ordnete die Bücher in die oberen Regale nach den Anweisungen des Buchhändlers.

Oft fand man Suk Mi Xiu in den Abendstunden auf der Treppe sitzend und zeichnend. Die kleinen Hefte, die eine Geschichte erzählten, wenn man die Seiten durch die Finger laufen ließ, verschenkte er zuweilen an die Kinder der Straße, die oft um ihn herum saßen und ihm zusahen, wie er neue Geschichten erfand. Dabei war er so abwesend, dass er sie kaum zu bemerken schien.

Eine besondere Geschichte Suk Mi’s erzählte von einem Jungen aus Seoul. Er lief aus dem Stand leichtfüßig eine Straße hinab der untergehenden Sonne entgegen, um dann plötzlich und unerwartet abzubiegen und hinter einer Straßenecke zu verschwinden. Dabei ließ er das Licht der Abendsonne einer Mahnung gleich einsam auf den gepflasterten Steinen zurück.

Den meisten Bewohnern des Viertels blieb Suk Mi geheimnisvoll, trotzdem er beinahe drei Jahre bleiben sollte.

Am 28.04.1991 verschwand Suk Mi so spurlos und unangekündigt, wie er aufgetaucht war. Man wunderte sich noch eine Weile, konnte aber nicht herausfinden, wohin er gegangen war. Die Kinder trauerten noch lange um Ihren geheimnisvollen Freund.

Viele Jahre später fanden Bauarbeiter bei Renovierungsarbeiten in einem zugemauerten Luftschacht im hinteren Bereich der Buchhandlung in Hongdae ein in Stoff gewickeltes Bündel staubiger Bilder. Das Ehepaar war innerhalb weniger Monate nacheinander gestorben und hatte keine Kinder zurückgelassen. Die Buchhandlung wurde verkauft. Die Bauarbeiter trugen die Bilder zu Ihrem Vorarbeiter Park. Park nahm sie an sich und zeigte sie am Abend seinem alten Freund Young-Jun Minh, der das Haus samt der Buchhandlung und der darüber liegenden Wohnungen einige Wochen zuvor gekauft hatte.

Young-Jun Minh brauchte keine zwei Sekunden, um zu begreifen, von wem die Bilder stammten. Sie zeigten fein gezeichnete, verworrene Szenen aus den Wäldern Koreas, voller Anmut zuweilen und Hoffnung, dann wieder düster, beängstigend und unheimlich. Einst hatte ihm jemand beigebracht, in den Farben des Waldes seien die Emotionen der Menschen geschrieben. Jede Farbe bedeute ein Gefühl und alle Farben könnten gefunden werden entlang dem immer gleichen Lauf der Jahreszeiten. Eine Farbe jedoch unterscheide sich von allen anderen. Im Weiß seien alle Farben, und nur im Weiß des Winters sei das tiefgreifendste und beängstigendste menschliche Gefühl verborgen, aus dem alle anderen Farben hervorgingen: Einsamkeit.

Es war Suk Mi Xiu gewesen, der dem jungen Young-Jun Minh die Geschichte des unbedarften und vom Glück verfolgten Jungen vor langer Zeit zu seinem sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Es war der 18.12.1989, ein klarer und kalter Wintertag vor beinahe 25 Jahren. Eine leichte Schneedecke lag über den Straßen und Hausdächern und dämpfte alle Geräusche. Young-Jun Minh hatte das kleine Heft seitdem aufbewahrt und immer wieder hervor geholt, um die Seiten durchzublättern, die davon mehr als 20 Jahre später ganz abgegriffen waren.

In der darauffolgenden Nacht änderte Young-Jun Minh seine Pläne. An einem 15. August eröffnete er schließlich eine Galerie in den Räumen der alten Buchhandlung, um die Bilder Suk Mi Xius auszustellen. Bis heute kann man sie dort besichtigen, tief verborgen in einer kleinen, ansteigenden Gasse im östlichen Teil Hongdaes.

Im ersten Jahrzent des 20. Jahrhunderts verfasste ein österreichischer Schriftsteller am Rande von Paris die ‚Spuren der Verirrten‚. Darin finden sich die folgenden Zeilen:

Als die Träume uns die Klinken in die Hand gaben,
die einen zum Höllen-, die anderen zum Himmelstor,
das waren noch Zeiten,
das war die Zeit.

Als mir die Stimme brach,
im Unglück, wie auch im Glück,
das waren noch Zeiten,
das war die Zeit.

Niemand weiß, ob Suk Mi diese Zeilen jemals lesen würde. Aber er hatte sie aufgezeichnet – in seinen Bildern liegen sie verborgen.

 

Epilog

Gezeichnet war das Bündel mit

‚F.R. 1988 – 1991‘

Einige Jahre später übersetzte eine junge isländische Reisende, die sich zufällig in die kleine Gasse in Hongdae verirrt hatte, jenes Wort auf der Tafel, auf die man den Titel der Austellung graviert hatte. Seitdem steht dort mit schwarzem Stift an die Wand geschrieben: ‚Lost at Sea.‘

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# 03. Feb 2013 20:08

Keep telling me facts, keep telling me facts, keep telling me facts.

Eine der besten Zeilen, die ich je gelesen habe.

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# 01. Okt 2012 23:57

Wir gingen durch so viele Farbtöne von Beige (und Schwarz) und langsam fallende Regentropfen, bis einige wenige Licher am Ende der Straße einladend die Nacht erhellten. Ringsherum war es dunkel und die Straße glänzte schwarz vom Wasser.

Das kleine Kino und die Bar und die wenigen Leute warten auf uns. Stalker und Myriaden von Schatten von Grau später, führt eine lange Treppe und eine schwere Tür in einen Keller mit flacher Decke. Entlang der Flucht des Raumes erheben sich Säulen im schwachen Licht. Dunkle Musik wispert durch den Vorraum und wird mit jedem Schritt lauter. In einer dunklen Ecke des Raumes weben die Musiker ihren düsteren Klangteppich. So bewegungslos wie die steinernen Säulen steht die Menge von Zuschauern, unwirklich wie für immer in der Zeit gefangene Abbilder der Menschen, die sie einst waren. Wir gehen näher heran. Da stehen wir, und die Musik klingt plötzlich in den Ohren, laut und voller Kraft, die Schatten verschwimmen, und wir sind uns mit einem Mal nicht mehr sicher, (…) . Ein kaum greifbares, bevor es je da war schon wieder verflogenes Gefühl von – war es Triumph?

Später standen wir erneut im Regen. Nichts war geschehen, und doch hatte alles stattgefunden. Wir zogen die Kapuzen über den Kopf und liefen durch Beige und Grau und Bindfäden von Regen.

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# 23. Okt 2011 22:57

Als der Schmerz nachließ –
– und das Erzählen einsetzte:
Das waren noch Zeiten.
Das war die Zeit.

Als die Träume uns die Klinken in die Hand gaben…

Als mir die Stimme brach,
im Unglück, wie auch im Glück:
Das waren noch Zeiten.
Das war die Zeit.

(aus: Peter Handke – Spuren der Verirrten)

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# 11. Aug 2063 21:57

44215.2

Oh cheeky cheeky
Oh naughty sneaky
You’re so perceptive

(aus: Brian Eno – Dead Finks don’t talk)

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# 07. Aug 2063 19:51

I’m going to sleep so well tonight.
Breathe in, deeply now, okay do you feel it?
Don’t worry, we’re finally here.

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# 07. Aug 2011 19:51

I never knew love until I promised (…) that before I die I’d burn down Montmartre so she could gaze upon the Sacre Coeur naked white and holy.

(aus: Beirut – Booklet of The Flying Club Cup)

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# 12. Feb 2011 12:02
Dreifaltig

Absurd. Belanglos. Schön.                                          White Noise.

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# 29. Jan 2011 14:21
Die Idee ist gut

Gestern war der beste Freitag abend seit langer Zeit. Ich bin um zehn Uhr zu Bett gegangen und in ein Lied gefallen. So wie das nicht so oft passiert.

Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit – Tocotronic

Der Himmel ist so blau wie das Grün am Anfang des Sommers.

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# 26. Okt 2009 15:43
(…)

Tell me, what’s in there? People are chattering about some Prince.

Certainely not, Mr Árgyelán. A giant whale has arrived. This mysterious creature from the sea has come from the far-off oceans. Most definitely you have to see it too.

I don’t like this at all, János.

Nothing wrong with it, Mr Árgyelán. Just see what a gigantic animal…
…the Lord can create! How mysterious is the Lord that he amuses Himself with such strange creatures.

It’ll lead to trouble, János.

(Werckmeister Harmoniak, Béla Tarr and Laszlo Krasnahorkai)

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# 04. Jul 2009 00:43
(…)

Die Luft ist warm, Gewitterwolken hängen immerfort an der Decke, die Nächte sind mild. Das Holz knistert und knackt beim Verbrennen. Hier und da schwirrt ein Glühwürmchen taumelnd durch den Abend. Immerhin soviel für Momente.

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# 11. Apr 2009 01:08
1

Von den Jahrhunderten am Meer
liegen glatte, polierte Steine
in den engen Gassen der kleinen Hafenstadt
im Laternenlicht des Sommers
unbekümmert meiner Schritte
die ungehört verhallen.

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# 11. Apr 2009 01:05
2

In dieser Stadt oder jener
oder gar keiner Stadt
überall
unter demselben Himmel.

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# 11. Apr 2009 01:03
3

Wie Napoleon
an der Spitze
eines Heeres reitend
des Nachts vor wehenden Fahnen
furchtlos und unbekümmert
des ungewissen Morgens.

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# 11. Apr 2009 01:00
4

Das Leben rückwärts leben
wieder zum Kind werden
und sterben
in den Armen einer Frau.

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5

Ich schreibe keine Zeile
die mein Verleger verlangt
und scheitere unweigerlich.

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# 15. Mrz 2009 18:59
Bewußtsein der Pluralität (…)

Ich weiß nicht, wer ich bin, welche Seele ich habe.
Spreche ich in aller Aufrichtigkeit, dann bin ich mir nicht sicher, mit welcher Aufrichtigkeit ich spreche.

(Fernando Pessoa)

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# 23. Jan 2009 04:14
Fragmente vom Verschwinden der Worte

Wie schreiben, wenn die Worte abhanden gekommen sind?

Sei vielfältig wie das Universum, sagen mir welche. (Hört ihr ihn, den Vergessenen?)

Einst lief ich in Richtung der kristallenen Stadt im weiten Norden jenseits der bekannten Welt. Wenn ich die Augen schloss, sah ich ihre weißen, in den blassblauen Himmel ragenden und in alle Richtungen das Sonnenlicht spiegelnden Türme vor mir. Bei mir hatte ich nichts als ein Bündel mit den allernotwendigsten Sachen und das Kaleidoskop, das alles in der rechten Weise zusammensetzen würde, wenn ich hindurch schaute, und ich war reicher als die Könige und Kaiser. Ich durchwanderte Wälder entlang den so geliebten Pfaden, die den weichen, grünen Waldboden wie feine Linien durchzogen, machte Rast an sprudelnden Bächen, trank bergkaltes Wasser und schlief im Moos unter der großen Wurzel nicht weit von der Gabelung des Weges, und die Blätter der Bäume tanzten in der Morgensonne und im leichten Wind des Nachmittages. Nur wage weht heute die Erinnerung heran, ich erlebte wunderbare Abenteuer in fernen Ländern, und auf dem Gipfel des unverhofften Berges traf ich eine Prinzessin mit so weißen flatternden Kleidern wie fallender Schnee, der sich mit dem Winde vereint und singt, und das goldene Band um ihren Kopf schien wie die Sonne alles zu durchdringen, wenn nicht ihr Blick gewesen wäre, der tiefer und eindringlicher noch sogar die Geheimnisse der Zeit durchdrang und anzuhalten schien. (…) (der Träumer. der kindlich naive Erwachsene. der Nichtschreiber?)

Ich vereine eintausend Leben. Jedes einzelne davon so mannigfaltig und frei wie die Blüten der Kirschbäume im Frühling. Die Höhe eines Menschenlebens misst sich in der Vielfachheit seiner Personen, Sammelsurium von Gefühlen! Verloren, wenn alles in ein Leben zusammenbricht.

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# 12. Sep 2008 21:03
Epopöe

Wo beginnen?
Alles kracht in den Fugen und schwankt.
Die Luft erzittert vor Vergleichen.
Kein Wort ist besser als das andre,
die Erde dröhnt von Metaphern…

(Ossip Mandelstam)

Erzähle, Muse, vom Erzähler,
dem an den Weltrand
verschlagenen kindlichen
Uralten und mache an ihn
kenntlich den Jedermann.

Ein Greis bin ich
mit einer brüchigen Stimme
aber die Erzählung
hebt immer noch an
aus der Tiefe
und der leicht geöffnete Mund
wiederholt sie, so mächtig,
wie mühelos,
eine Liturgie,
bei der niemand eingeweiht
zu sein braucht,
wie die Wörter und Sätze
gemeint sind.

(Peter Handke)

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# 15. Aug 2008 13:02
Le Sentiment du Fevrier / Für J.

Aus dem Fenster schauend in die weiten Tragseile der großen Brücke der Stadt, in die der Zug einfährt, von der ich den Namen nicht kenne vor einem blassblauen, aber warmen frühlingshaften Himmel, die Tragseile, die sich würdig wie mit geöffneten Armen zu beiden Seiten des hohen Mastes erstrecken.

Der Zug fährt in einen Sackbahnhof ein, und auf dem Rückweg sehe ich noch immer und dieselbe Abendsonne. Ich habe Paris hinter mir gelassen, meinen Winter in der Metropole.
Die 13° des Februars, der Februarhimmel, die Februargeräusche, die Februarsonne und das Februargefühl des sonnigen Tages.

Manche haben im Leben einen großen Traum und versäumen diesen Traum. Andere haben im Leben nicht einen Traum und versäumen auch ihn. Ich lese die Worte Pessoas, und die Abgründe der Zeilen werden in ihrer Umkehrung meine Höhe.

I have heard of a city called heaven
And I have started to make it my home

(Scout Niblett)

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# 03. Dez 2007 02:12
Untitled (4)

Ich lebe nur noch in Erinnerungen. Dadurch werde ich selbst ein Schatten vergangener Zeiten. In der Eigenart dieses Zustands bin ich, ohne tatsächlich zu existieren. Ich bewege mich parallel in der Zeit, ein Gespenst in der Gegenwart, aber in der Vergangenheit ebenso ohne Form, ein bloßer Gedanke, etwas nicht ganz Gewesenes ohne Bewusstsein noch Konturen.

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# 19. Nov 2007 16:51
Allerheiligen

Wieder einmal sitze ich im Jardin du Luxembourg in der herbstlichen Kühle der Abendsonne umtrieben von den sanften Klängen José Gonzalez‘. Auf dem Stuhl vor mir liegt das Buch der Unruhe zusammen mit dem Tabak, dem Zigarettenpapier und dem Schreibetouille, während ich dem umtriebigen Spiel der Möwen über dem Wasser zusehe. Feine Wolken Rauch steigen in der Luft. Weit in der Ferne ragt die Spitze des Eiffelturms in den Himmel, während das Treiben der Menschen und das Stimmengewirr, das sacht und unterschwellig durch die Musik dringt, von der entspannten und freudigen Erwartung auf den morgigen Feiertag zeugt. Ich verspüre einen Hauch Dasein und die verborgene Existenz großartiger Geschichten, die, wenn man sie zu erfassen versucht und festzuhalten, schon wieder verflogen sind und nichts als eine vage Erinnerung hinterlassen. Ich betrachte noch eine Weile, bevor ich mich wieder auf den Weg nach Hause mache.

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# 12. Sep 2008 11:56
Auszug (…)

Ich habe bis in den Nachmittag geschlafen. Ich bin nicht zu Bett gegangen, obwohl es an der Zeit gewesen ist. Ich habe meine Zeit vergeudet. Ich bin nicht nach draußen gegangen. Ich habe nicht die Menschen gesucht. Ich habe mich unter die Menschen gemischt. Ich habe an Tresen gesessen und bin durch Bars gezogen. Ich habe die Einsamkeit gesucht. Ich habe mich abgewendet. Ich war ein Eremit. Ich habe die Einöde geliebt, die Steine in den Höhlen. Ich habe Seligkeit gekannt. Ich habe Verdammnis geschmeckt. Ich bin zurückgekehrt. Ich bin für immer entflohen. Ich habe Smalltalk geführt. Ich habe kennen gelernt. Ich habe Freundschaften gepflegt. Ich habe vernachlässigt. Ich bin durch die Nacht gelaufen.

Ich bin sitzen geblieben in meinem Zimmer. Ich habe aus dem Fenster geschaut, in die Ferne. Ich habe in den Himmel geschaut. Ich habe zu den Sternen geschaut. Ich habe auf den Fußboden gestarrt. Ich habe leise Worte geflüstert. Ich habe meine Sehnsucht der Weite geklagt. Ich habe mit offenen Augen nichts gesehen. Ich habe mit geschlossenen Augen Welten betrachtet. Ich habe meine Wut herausgeschrieen. Ich habe mit ungekannter Wildheit geschrieen. Ich habe meine Verzweiflung einem Gott entgegen geschrieen mit der ganzen Kraft meiner Stimmbänder.

Ich habe bedächtige Ruhe durchbrochen. Ich habe Bilder zerrissen. Ich habe Gott geleugnet. Ich habe inmitten des Lärms Ruhe gespürt. Ich habe inmitten des Lärms nur noch das Summen in den eigenen Ohren gehört. Ich bin durch die Straßen gelaufen und habe die Gerüche verfolgt, Geräuschen ungefiltert zugehört. Ich bin mitten auf dem Gehsteig stehen geblieben. Ich bin stehen geblieben, obwohl stehen bleiben sich nicht geziemt hat. Ich bin stehen geblieben, obwohl andere mir ausweichen mussten, wo kein Platz zum Ausweichen war. Ich bin stehen geblieben und habe mich mit gehobenem Kopf im Kreis gedreht. Ich habe mit glühendem Herzen gefochten. Ich habe aufgegeben. Ich bin durch Straßen geeilt und habe links und rechts, vorne und hinten ignoriert. Ich bin über rote Ampeln gegangen, als Eltern mit ihren Kindern neben mir standen. Ich bin an Bettlern vorübergegangen und habe daran gedacht, das Kleingeld aus der Schale zu stehlen. Ich habe mit Bettlern gesessen und mit Bettlern getrunken. Ich habe den Geschichten der Landstreicher zugehört. Ich habe Straßenbahnmusikern kein Geld zugesteckt. Ich habe Straßenbahnmusikern Münzen zugesteckt. Ich habe ihnen mein Gefallen bekundet. Ich habe sie mit verächtlichen Blicken bedacht.

Ich habe Mitleid empfunden. Ich war erbarmungslos. Ich war ein Schelm. Ich habe Unsinn im Kopf gehabt. Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe gesprochen, bevor ich mir Gedanken gemacht habe. Ich habe nicht gesprochen, wenn ich hätte sprechen sollen. Ich habe Preisschilder umgeklebt. Ich bin über Hindernisse hinweg gesprungen, statt um sie herum zu gehen. Ich habe mich auf Bänke gestellt und Reden gehalten. Ich habe unter der Dusche gesungen. Ich habe geraucht beim Autofahren. Ich war unaufmerksam beim Autofahren. Ich habe die Augen geschlossen bei voller Fahrt auf der Landstraße. Ich habe unzüchtige Gedanken gehabt. Ich habe über den Durst getrunken. Ich bin nicht nach Hause gegangen, als ich nach Hause hätte gehen sollen.

Ich habe den Anfängen nicht widerstanden. Ich habe nicht den Zeitpunkt zum Aufhören gefunden. Ich habe die Möglichkeit nicht genützt. Ich habe aus schlechten Beispielen nicht gelernt. Ich habe aus der Vergangenheit nicht gelernt. Ich habe mich dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Ich habe den Traum mit der Wirklichkeit verwechselt. Ich habe die Liebe mit dem Trieb verwechselt. Ich bin dem Zauber des Augenblicks erlegen. Ich habe das Dasein nicht als entliehen betrachtet. Ich habe nicht älter werden wollen. Ich habe nicht sterben wollen. [O]

Ich habe mich ins Leben gestürzt. Ich habe nicht auf die Warnsignale meines Körpers gehört. Ich habe nicht auf Ratschläge gehört. Ich habe Mahnungen beflissentlich ignoriert. Ich habe über meine Verhältnisse gelebt und dabei behauptet, unter meinem Niveau zu bleiben. Ich bin überschätzt worden. Ich bin unterschätzt worden. Ich habe mich selbst überschätzt. Ich habe mich selbst unterschätzt. Ich habe Geld für unnütze Dinge und Pomp ausgegeben. Ich bin in löchrigen Pullovern und schmutzigen Schuhen gegangen. Ich habe mich von der Wertung befreit. Andere Male habe ich bewertet, überbewertet, abgewertet, Wert geschätzt, für wertlos befunden.

Habe der Welt gehuldigt. Habe den Lauf der Dinge verflucht. Habe mich hingegeben. Habe mich aufgegeben. Habe mich aufgerappelt. Habe mich gehen lassen. Bin mündig gewesen. Bin unmündig gewesen. Bin gedankenlos gewesen. Habe Schwäche gezeigt. Habe Hass verspürt. Bin unbarmherzig gewesen. Habe kein Verständnis gehabt. Habe verletzt. Habe nicht beachtet. Bin naiv gewesen. Habe gelitten. Wollte der Welt ein Ende machen. Wollte von Balkonen springen und schwarzsehen, aber nicht aufschlagen. Wollte fliegen und das Rauschen der Luft in den Ohren hören. Wollte zurückkehren. Wollte verändern. Wollte teilhaben. Wollte weiter, immer weiter. Wollte erleben. Wollte unsterblich sein.

Das Knirschen frischen Schnees unter den Schuhen. Das Rascheln des Laubs im Herbst. Das Rauschen der Blätter in den Baumwipfeln im Sommer. Das Zirpen der Grillen. Ein trüber Teich im Wald. Die Totenstädte unter Paris. Das Knistern einer abbrennenden Zigarette. Die Fahrgeräusche eines Zuges im Innern. Das Klappern eines Fahrrads bei voller Fahrt über Kopfsteinpflaster. Stille. Zeitraffer der Wolken auf einem Berggipfel. Sonnenuntergänge. Mondschein. Sonnenaufgänge. Das Gefühl von Wärme. (…) Das Licht einer Welt, das aus dem Herzen hinaus und durch die Augen nach außen leuchtet.

Ich bin ungeduldig gewesen. Ich habe es nicht erwarten können. [O]

(inspired by Selbstbezichtigung, Peter Handke, [O]: Auszüge aus dem Original)

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# 12. Sep 2008 12:11
Carax

Im Zug zurück befällt mich eine Müdigkeit; die unregelmäßigen Geräusche der Räder auf den Schienen, die eine nicht vorhandene Regelmäßigkeit vortäuschen, das Murmeln der Menschen in aller Herren Länder Sprachen, mit einem Mal Musik eines Akkordeons, das plötzliche Geräusch der Beschleunigung, alles scheint nur von weit her zu mir zu dringen, im Dämmerzustand des Halbschlafes. Im letzten Moment den Gare du Nord erblickt. Nach Hause geschleppt, die Treppen nach oben, und noch zwei Seiten der Publikumsbeschimpfungen, die ich aber nicht mehr wirklich wahrnehme, zähle die Buchstaben und Worte als wären es leblose Konstrukte. Der Müdigkeit übergeben. Zusammenhanglose, klangvolle Sätze, die sich wage vor den geschlossenen Augen formen und gleich wieder verschwinden, denke noch an Aufschreiben, tiefes Nachtschwarz. 15 Stunden später wache ich auf in einer gänzlich anderen Welt, die ich nicht einzuordnen vermag. Wo bin ich? Wer bin ich? Wie aus weiter Vergangenheit dringt Musik an mein Ohr, voller Sehnsucht. Sitzend und zusammengekauert wiege ich vor und zurück und flüstere die Sätze der Lieder in weite Weiten. Zermürbender Drang nach Freiheit, Unabhängigkeit, Verantwortungslosigkeit! Wie ein Fluch erscheinen die Sätze wage von irgendwoher. Fühle die Welt entgleiten, die einst so nahe war und Wärme spendete. Alles von mir werfen und alleine umherstreifen auf unwegsamen Wegen, als einzigen stummen Begleiter die Musik, die nur ich hören kann. Von weit her höre ich die Mahnungen. Ich gehe davon, wandele Wege und Straßen entlang, durch ferne Länder, über blühende Wiesen und von Bergen schaue ich in noch weitere Ferne, staubige Wege durch karge Landschaften säumen meinen Weg, ich komme in Dörfer, die seit Jahren kein Fremder mehr erblickt hat, sehe die Gesichter der Einwohner, die mich stumm betrachten mit vorgehaltener Neugier und Misstrauen, die Kinder, die um mich herumlaufen und aufgeregt gestikulieren, aber ich reagiere kaum und nehme mit einem traurigen Lächeln Abschied von jedem Ort, als wäre er lange ein Zuhause gewesen. Jeder Tag bringt neue Bilder, aber die Melancholie weicht nicht mehr. Immer weiter führt mich der seltsame Weg fort, setze einen Fuß vor den anderen, zuletzt aber immer langsamer und schleppender und kraftlos. Irgendwann beschleicht mich das Gefühl, dass es nicht mehr weitergehen kann, die letzte Energie ist verbraucht, ausgebrannt. So stehe ich noch eine Weile in der Landschaft, im Wind unter der Sonne, die nur halb durch den bedeckten Himmel dringt, sehe die Gräser wiegen und aufgewirbelten Staub hier und da und in der Ferne, die Farben dominiert von braun und grau und leblosem Grün, noch weiter weg die verschwommenen Umrisse von Bergen. Die Wolken fließen dahin wie im Zeitraffer, für Sekunden bricht die Sonne durch, dann wird es wieder düster, dunkler, ungemütlicher. Meine Habseligkeiten sind mir schon vorher aus den Händen geglitten und liegen im Staub. Keine Menschenseele. Ich drehe mich noch einmal um mich selbst, dann lege ich mich an den Straßenrand in die dürren Gräser und den Staub, zusammengerollt, und schließe die Augen. Die Musik klingt nur noch aus immer weiterer Entfernung wie eine Erinnerung, der Himmel zieht zu, es wird dunkler und kälter, dann irgendwann, wie nach einer Ewigkeit, warm und Wohl zumute.

Ich erwache in Berlin in Decken gehüllt, unter Freunden, es ist kalt vor dem Fenster, das Licht der Lampen verströmt eine beruhigende Wärme, ich erwache in einer Welt, die es vor Jahren gegeben hat (vor meiner Zeit). Der einzige Hinweis, lebendig zu sein, ist das unterschwellige Gefühl, auch hier der immer gleichen Unwirklichkeit zu begegnen.

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# 08. Nov 2007 19:34
Fragment

In dem Ausmaß, in welchem mein Sehvermögen schwindet, erhebt sich meine Phantasie.

Fragment
An Unbekannt:

Das Vorteilhafte, wenn man übernächtigt durch die Straßen einer Stadt läuft und mit der Metro fährt, ist die Tatsache, dass die Welt unwirklich erscheint und die Bilder vor den Augen flackern. Aus jedem Gesicht begegnen Geschichten, die man nicht zu fassen vermag.

Wenn man dann nach Hause kommt und im Briefkasten ein schweres gebundenes Buch wartet, auf dessen rotem Umschlag in goldenen Lettern der Titel „“ prangt, weiß man… Im nächsten Moment verschwimmen die Buchstaben und formen neue Worte. Ein anderes Mal ein französischer Titel, dann wieder jiddische Schriftzeichen, skizzenhafte Bilder.

Verschaffen Sie sich Eintritt in die Galerie der Momente, erweitern Sie sie nach Belieben! Sie wissen um das Geheimnis!

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# 12. Sep 2008 12:12
Begebenheiten… (…)

Eine weite, herbstliche Allee im Jardin du Luxembourg, wenige Menschen unter grauem Himmel über hellen Kies durch kalte Luft, umgeben, eingefasst, The Last Dictator IV, Crime and the City Solution. Des Crêpes avec jambon et frommage, und gedünsteten Zwiebeln. Avec le vélo à travers des feux rouges, in mehrspurige Kreisverkehre, inmitten und gegenüber Schlachtreihen von Automobilen und Mopeds. (Place de la Republique und an anderen Orten.) Mathematische Termini in französicher Sprache bei sichtbarem Atem, eingewickelt in Schal und Jacke auf Plastikstühlen wie auch alle anderen Kommilitonen, beschäftigt mit der Kälte. Von mir gestreckte Arme und Beine, durchgedrückter Körper, Gesicht zur Decke, horizontal auf den Händen getragen und über den Köpfen fast ausschließlich Deutscher und inmitten junger Menschen, auf einem Konzert der Beatsteaks in la Maroquinerie. Auf der Treppe vor der Sacre Coeur untergehende Sonne Blick über eine jahrhundertealte Stadt. In der Nacht in meinem Zimmer ein Lied, dass von der Entfernung erzählt. Auf die Straße treten, Menschengewirr, Boucherie Musulmane, der Geruch einer Bäckerei und immer wieder Abgase, Menschen in den Cafés früher schwarzer Kaffee bedeckter Himmel.Der Smog über der Stadt, der jeden Sonnenuntergang gelingen lässt, roter undeutlicher Himmel in die Höhe ragender Tour Eiffel inmitten Symbol. In kleinem Kino, rote samtene Sessel schmale Reihen ein Film aus Beirut mit französischen Untertiteln, später eine Karaffe Wein und wieder durch kalte Luft nach Hause. An einer Straßenecke werden Zigaretten feilgeboten jedem der vorübergeht, ein Stück weiter gegrillte Maiskolben über glühenden Kohlen in einer kleinen Tonne auf einem Einkaufswagen. Eine Straße aus Afrika, eine Straße aus Indien, eine Straße Marokko. Wie schrieb Peter Handke?

Im Innern
der geschlossenen Augen
noch einmal die Augen schließen…
dann leben sogar die Steine.

Umher fliegende Libellen und durch die Luft, das Rauschen der Flügel in den Ohren und vor Augen beseelt, stehe und drehe mich im Sonnenschein, Licht bricht durch die Blätter der Eichen, die die Lichtung umstehen. Dragonflys by Devendra Banhart. Bei den Farben sein. Der Abendhimmel. Bei den Sternen sein. Auf die Welt hinunterschauen. Einen Blick in die Zimmer der Menschen, die mir am Herzen liegen, wo noch Licht brennt in diesen Tagen, an diesen Abenden. Leichte, sich emporhebende Klavierklänge, eine zarte Stimme streichelt die Seelen der Nacht unter hellem schmalen Sichelmond, nur ganz leise und von weitem können manche sie hören. Geschlossene Augen auf einer Schaukel in der Nacht unter Sternen, die bis in den Himmel reicht, Rauschen der Luft, zurückgelehnt mit durchgestreckten Armen, aufgegangen im Jetzt.
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# 03. Okt 2007 16:10
Schmerzhaftes Intervall

Fragt ihr mich, ob ich glücklich bin, so antworte ich: nein. (Fernando Pessoa)
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# 26. Sep 2007 20:26
Vergleichbares? (…)

Anders:

Kann man in der Stadt jemals Vergleichbares sehen? Eine ansteigende schimmernde Wiese, Zaunpfähle im Vollmondlicht stumme Türme und der sich erhebende Wald, dunkel und mächtig dahinter. Laue, kühle und doch nicht kalte Sommernacht, Geräusche überall, Sternenhimmel. Vielmehr noch der Blick in die weiteste Weite ins Innere.

Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

(kursiv: Auszug aus Lied vom Kindsein, Peter Handke)

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# 15. Aug 2008 13:22
(…)

In der literarischen Betrachtung liegt die einzig gerechtfertigte Ernsthaftigkeit.

Es gibt keine moralischen oder unmoralischen Texte, nur Empfindungen und das Vermögen oder Unvermögen, sie mit der angemessenen Ernsthaftigkeit und Gleichgültigkeit zu betrachten.

Myriaden Erfahrungen und Gedanken, Gefühle und Einstellungen, Erkenntnisse und Widersprüche, Verwerfungen und neue Ansichten, alle ohne Wertung, ohne Einordnung. In manchen Momenten habe ich mich berufen gefühlt, angezogen, habe mit glühendem Herzen gefochten, in anderen haben mich Zweifel geplagt, irgendwann habe ich alles hingeworfen, nicht im tatsächlichen Leben dort draußen, aber hier innen, im Geiste, der Welt in der Welt, dort, wo die Dinge noch Bedeutung haben, hatten. Hingebung, später Hinnahme. Der Fatalismus eines Freundes erscheint mir plötzlich, in diesem Moment, in dem er mir in seiner Tragweite klar vor Augen liegt, als der meinige. Mein Geisteszustand. Ich habe ihn damals nicht wirklich verstanden, wie man niemanden jemals wirklich versteht, wenn nicht der Strom der eigenen Empfindungen zufällig in derselben Richtung fließt. Das er, der reißende Strom, der plötzlich träge dahin fließt, einen ähnlichen Verlauf nimmt, überrascht mich nicht, denn es war wahrscheinlicher, als dass es hätte anders kommen können?, wollen?, sollen?
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# 17. Okt 2007 13:22
Ausruf (Oh Narziss!)

I am the worst pirate under the sun.
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# 30. Aug 2007 03:14
Hauch Seelenheil, Narkotika, Herbst

(…) besonders im Sommer, der wieder mit gelb werdenden Blättern sein jähes Ende ankündigt. Oder ist es der Herbst, der sein Kommen mit schallenden Trompeten und Fanfaren ankündigt? Besuche hier und da, Aufstehen, Nichtstun, Schlafen dann und wann, Schreiben tags weniger nachts mehr, Zeitvertreib, Verschwendung? Unzufriedenes Dasein zwischen Tür und Angel und Koffern. Woanders anders? Scheinbar. Vielleicht. Vielleicht nicht. Tendenz ja. Abneigung zu reden. Reden immerzu immerfort mit jedermann. Wozu aber? Es kommt doch nichts dabei zu Tage, als Müdigkeit und noch größerer Widerwille, Worte herauszupressen. Wachbleiben wozu, doch Schlaf bedürfte, zu Bett zu gehen, Anstrengung, würde bedeuten, die momentane Position aufzugeben, vielmehr aber der geistigen Haltung eine andere Richtung zu geben. Zuviel verlangt. Vorbereitungen für kommende Tage? Ohne Kommentar. Velvet Underground? Passend. Träumereien? Zu träge und zynisch. Perspektive? Ungesehen. Starren auf den Bildschirm. Woher kommt diese übermäßige Fülle an Widerwillen? Keine Antwort. Alles für die Katz. Gehe am Ende doch schlafen, so wird es kommen, letztlich wird es so kommen, mit Sicherheit, zwangsläufig. Zwangsläufigkeiten überall. Zwangsläufigkeiten genügen, die ganze Welt zu erklären. Ja, so trist und ernüchternd ist, was sich als wunderbares und letztes großes Geheimnis, als letzte unerkannte Mogelpackung in ein umwobenes schillerndes Gewand kleidet und die Menschen in falschen Illusionen vermeidbare Anstrengung begehen lässt und sie in sinnlose und ebenso fruchtlose Verzückung versetzt. Gebt Euch hin, Narkotika und andere Gifte sind das letzte Mittel, als letztes Mittel durchaus zulässig und vertretbar, einen Hauch von Seelenheil zu erhaschen und für einen kurzen Moment an etwas zu glauben, dass es tatsächlich nicht gibt.
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# 21. Aug 2007 08:31
Wandlungen

Als ich am Morgen meine Straße entlanglaufe, früh erwacht müde, hustend niedergeschlagen erschöpft teilnahmslos leidenschaftslos woher? , wolkenverhangener regenschwerer grauer düsterer Himmel Kapuze über dem Kopf, mein Blick hebt sich unbestimmt grundlos, ein Blatt von hohem Baum segelt lebhaft wirbelnd zu Boden von weit oben verfolge das beachtliche Schauspiel Zeugnis von Lebhaftigkeit bedeutend, umrahmt von plötzlich nicht mehr düsterem hellen Himmel Leichtigkeit schleppende Schritte werden nicht merklich aber leichter Haltung aufrechter mit einem Mal Wandlungen.
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# 18. Aug 2007 13:16
Sinfonie einer unruhigen Nacht

Alles schlief, als wäre das Universum ein Versehen; und der unbestimmt flatternde Wind war eine gestaltlose Fahne, gehißt über einer nicht vorhandenen Kaserne. Ein Nichts zerriß in den brausenden Lüften, und die Fensterrahmen rüttelten an den Scheiben, damit man der höchsten Not gewahr wurde. In der Tiefe von allem war stumm die Nacht, Gottes Grab (die Seele erfüllte Mitleid mit ihm).
Und plötzlich – eine neue Ordnung des Universums wirkte über der Stadt – pfiff der Wind in einem Intervall des Windes, und man bekam eine schlaftrunkene Vorstellung von dem stürmischen Treiben in den Höhen. Dann schloß sich die Nacht wie eine Falltür, und eine große Ruhe ließ das Bedürfnis aufkommen, all dies verschlafen zu haben.

(Fernando Pessoa)
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# 16. Aug 2007 11:59
Bedeutung?

Wasser trinkend, das Gesicht halb im Glas, und die Strahlen der Abendsonne, die durch die Blätter der Bäume fallen und durch das Fenster, in der Flüssigkeit, ein beachtliches Schauspiel, die Verwirbelungen und Brechungen, begleitet von The Empty’s Response. So viel Leben und Welt in einem kurzen Augenblick, der sich ins Unendliche dehnt. Kleine Wunder auf einer Erde, die alles in sich birgt und doch keiner Sache mehr Bedeutung zugesteht als einer anderen. Ist es das große Geheimnis dieser Welt? Dass sie keinen Unterschied macht zwischen Licht, dass sich in einem Glas Wasser bricht, und den grauenhaften Augenblicken und Anblicken und Schmerzen und Szenen eines Völkermords im Sudan, Schlachten und Schreien und Blut in Zeiten der Napoleonschen Kriege, dem Wiegen einer Blume im Wind?
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# 11. Aug 2007 03:55
Abwesenheit… (…)

Als er zu sich kam in seinem Bett liegend, obwohl er nicht geschlafen hatte, dachte er über die letzten Wochen nach. Alles erschien ihm unwirklich, als hätte nicht er selbst, sondern jemand anderes erlebt, als wäre er nur stummer Beobachter gewesen, ohne dass er dadurch aber von der Müdigkeit verschont geblieben wäre, die diese letzten Wochen mit sich brachten. (…) Zuletzt hatte er den Himmel über Berlin gesehen, nicht den Himmel, den sah er jeden Tag, und durchaus in erhaben Augenblicken von erhabenen Plätzen, gleichzeitig aber schien ihm diese Erinnerung als die eines anderen, die Müdigkeit, als müsste er zwei Leben leben, so dass ihm nahezu nie Zeit auszuruhen blieb, denn war der eine müde, trieb es den anderen irgendwo hinaus, in die Straßen, zu einer der vielen Bekanntschaften, die er pflegte, in die Bars der Stadt oder auf deren Plätze, auf denen er zeitweilen saß und in einem Magazin zu blättern pflegte, sich unterhielt mit Passanten, die er irgendwoher kannte, nachdachte, ohne sich erinnern zu können, worüber er eigentlich nachsann. (…) Der Konzertausschnitt von Nick Drake, das Lied war ihm bekannt, aber jetzt erst hatte es Bedeutung erlangt. (…) und es hatte ihn traurig gemacht, aber es war schon wieder zu weit weg in diesem Moment, er beobachtete sich selbst mit einer seltsam anmutenden Distanz und verfolgte seine Gedanken, die nicht seine zu sein schienen. (…) Während er am nächsten Tag Bilder sieht aus der Nacht, zerfallenen Gemäuern und Menschen, die durch die Zeitlosigkeit der Bilder der Welt und der Zeit entrückt scheinen, und erhaben, erdrückt ihn die Sehnsucht nach Freiheit. Von den beiden Tagen darauf weiß er nichts mehr. Als er sich auf dem Bett findet und nicht merkt, dass er schreibt, denkt er nach, Rotwein trinken zu gehen. Er kennt viele dieser zerrütteten Gestalten, die ein Bild dieser Stadt zeichnen und sie mit Leben ausmalen, mit denen es sich gut Rotwein trinken lässt und in die Bars. In deren Gesellschaft er sich wohl fühlt, und sich wieder findet in Müdigkeit an anderen Tagen. (…) Als er am Alexanderplatz in der Sonne steht, sieht er die Beine bis etwa in Höhe der Knie eine Betrunkenen, die durch den linken Rand seines Blickfeldes sich entfernen, während rechts die Straßenbahn anfährt. (…) Als die Bahn an der Haltestelle zum Stehen kommt, an der er aussteigen muss, bleibt er sitzen, ohne zu wissen, warum. Alles scheint ihm befremdlich und weit fort. Wie wäre es, einfach sitzen zu bleiben? Wohin wird die Straßenbahn fahren, auf was wartet er? Es ist, als ob irgendwas ihn festhält, oder ist es nur unendliche Trägheit? Drei Stationen weiter steigt er aus. Mit leerem Blick und ohne zu denken hatte er in der Bahn gesessen und aus dem Fenster geschaut, ohne sich an irgendetwas erinnern zu können, das er gesehen hätte, als er zurückläuft.
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# 20. Apr 2007 15:20

when i feel alive
i try to imagine a careless life
a scenic world where the sunsets are all
breathtaking

(from: Scenic World, Beirut)
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# 18. Mrz 2007 00:34
Die Niederkunft (…)

Von brennenden Flügeln getragen, die den Himmel in ein rotes, erhabenes Licht tauchten, durchzogen von wenigen Wolkenfetzen, die ein unruhiges Muster zeichneten, unterstützt von den Konturen einer fabelhaften Stadt, fuhr er nieder und wurde wiedergeboren an diesem einen Tag. Doch so gewaltig der Himmel seine Niederkunft mit einem würdigen Hintergrund ausstattete, so dass jeden Beobachter, der zufällig zum Horizont emporblickte, sogleich eine unheimliche Ehrfurcht durchzog, die fühlbare, unterschwellige Spannung in der Luft, alles auf etwas Großartiges, nie da Gewesenes hindeutete, so war es doch ein trauriger, ein furchtbarer Tag. Als die Klinge sein Herz durchfuhr, entsprang seiner Kehle, bevor er endgültig zusammensank und das neue Leben entglitt, ein schmerzerfüllter, schrecklicher und qualvoller Aufschrei, der vom Wind in alle Richtungen getragen wurde. Alle, die ihn hörten, wurden von einem Schauern erfasst, so furchtbar, wie sie noch nie gefühlt hatten, eine plötzliche Eiseskälte ließ sie zusammenfahren und ängstlich und verwirrt zurück. Sogar die Vögel verstummten für eine Weile. Dann war es vorbei. Nur ein stiller Nachhall verblieb, bis die Welt langsam zu ihrem Rhythmus zurückfand. Und doch war nichts mehr ganz, wie zuvor.
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# 19. Jan 2007 20:30
Just talking… (…)

In einer Berghütte, etwa sieben Stunden das Copland Valley hinauf, zwischen Franz Josef Village und Haast auf der Südinsel, saß ich am Abend mit einem jungen Israeli. „Viele Menschen hören nicht zu, wenn sie diskutieren, sie warten lediglich darauf, dass Du fertig redest, damit sie wieder an der Reihe sind“, sagte er damals zu mir. Ich habe noch oft über diesen Satz nachgedacht, und wie zutreffend er ist. Er hatte den Militärdienst beendet und als Soldat an den Übergängen gestanden, wo Israelis und Palästinenser jeden Tag die Grenze überschreiten. Danach war er auf die Reise nach Neuseeland aufgebrochen. James, ein Kanadier, mit dem ich das Valley hoch gestiegen war, stellte ihm allerlei Fragen, wie er denke, ob es richtig oder falsch sei, eine Mauer zu errichten entlang der Grenze, wer, glaube er, Anrecht auf das Land habe usw. Er antwortete nur spärlich und widerwillig auf die Fragen, als wolle er nicht darüber reden. Dabei hatte ich auch an Otman gedacht, meinen Mitbewohner, als ich noch in Köln wohnte. Da saß ich, am anderen Ende der Welt, redete mit dem Israeli, wenn ich zurück wäre, mit dem jungen Muslim, und dachte daran, was die beiden verband und voneinander unterschied. Heute habe ich einige Zeilen gelesen, die mich an den Satz des Israeli erinnerten, und damit auch an den Abend auf der Hütte, an Otman und noch Einiges. Sie sind aus „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier. Am nächsten Morgen hatten wir noch mit den Schuhen in den heißen Thermalquellen gestanden, bevor wir das Tal wieder hinab stiegen.

Doch das war nicht das eigentlich Unglaubliche. Das wahrhaft Unfassbare war die Diskussion, wie sie genannt wurde. Eingegossen und eingeschlossen in den grauen Bleirahmen der britischen Höflichkeitsfloskeln, redeten die Leute perfekt aneinander vorbei. Pausenlos sagten sie, dass sie einander verstünden, einander antworteten. Doch es war nicht so. Niemand, kein einziger der Diskutanten, zeigte das geringste Anzeichen eines Sinneswandels angesichts der vorgebrachten Gründe. Und plötzlich, mit einem Erschrecken, das ich sogar im Leib spürte, wurde mir klar: So ist es immer. Einem anderen etwas sagen: Wie kann man erwarten, dass es etwas bewirkt? Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, dass es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen. Geht es mir anders?, dachte ich. Habe ich je einem andern wirklich zugehört. Ihn mit seine Worten in mich hineingelassen, so dass mein innerer Strom umgelenkt worden wäre?
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# 17. Jan 2007 20:02
Magisches Theater (…)

Es war also so gekommen, es liegt bereits einige Wochen zurück, dass ich durch reinen Zufall, und obwohl es zuerst nicht so ausgesehen hatte, eine wundersame, verwirrende und aufregende Nacht verbringen sollte. Die Notizen, die ich am darauffolgenden Tag niederschrieb:

„Gestern war ich in einem magischen Theater. Vorne eine düstere Kneipe, eine schwere Stahltür zu öffnen, rechts eine lange Bar, dunkles Licht, Rauch. dahinter noch ein Raum mit Stühlen. Von dort nach links geht ein Gang, etwa 50 Meter, der bald unter die Erde geht. Dann noch eine Treppe nach unten, ein erster schmaler Raum mit wildem Durcheinander an Mobiliar, wenn man diesen durchquert, kommt man ins Theater. Eine Wendeltreppe geht es hoch, dort, wo man eintritt, zur Bar, die oben liegt. In der Mitte des Raumes sieht es aus, als wäre die Decke zur Hälfte eingestürzt, so dass aus den zwei Stockwerken eine große Halle wird, das obere Stockwerk, im Rücken liegt die Bar, wird zu einer Empore, von der man auf die Bühne sieht und die Tanzfläche, die davor liegt. An der Wand links ist eine weiße Mariafigur, die so groß ist, dass sie bis unter die Decke reicht, und über dem Raum schwebt. Sie wacht über den Tanzenden, nur ihrer Gnade ist die Szene zu verdanken. Sie ist majestätisch, unergründlich, gütig. Die Decke selbst ist bemalt mit schillernden Figuren und sich windenden Kreaturen und Mustern. Mit Gitarrenklängen und übermütigen, energiegeladenen Vocals durchsetzte elektronische Klänge erfüllen die Gemäuer, pulsieren, laut, präsent. Rechts oben ist Wand heraus gebrochen, von dort der DJ, der Magier. Die Menschen müsste man beschreiben, die hier sind, nur bin ich darin nicht sonderlich gut. Aber sie passen gut zu der Halle, zu den Figuren, die über den Köpfen durch ihr Universum schweben, sich ineinander drehen, wirbeln, frei durch die Nacht fliegen, und doch starr, gefesselt die Wand zieren. Frei die Menschen. Die Besucher wirbeln durcheinander, stampfen die Tanzfläche, wild und voll Lebenslust, werfen ihre Körper hin und her, Gesichtsausdrücke aus in den Nacken geworfenen Gesichtern, ekstatisch. Hochgefühlverzerrtes Lachen. Schreie. In einer Ecke zelebrieren sie wilde Paarungsrituale. Schwarzer Irokese schmückt einen hübschen Frauenkopf mit dunklen Augen, heller Haut, dort ein Typ mit Cap, ein anderer trägt lange Haare und ein Brille mit runden Gläsern, sieht aus wie John Lennon, aus denen er beobachtet, verbrauchte Haut, auferstanden von den Toten. Hier und da ein Punk. Zwei Mädchen mit hübschen Gesichtern, Hungerhaken, schwarze Haare und Pony, hinten zusammengebunden, fallen sie über die Schulter, küssen sich, provozierend, schön. Es ist ein Festmahl für die Seele, zuzusehen. Und überall wirbeln die Gesichter, und weiter hinten, da sitzen sie, in Sofas und auf Stühlen, Unterhaltungen, Beobachten, Starren auf den Boden, ruhen aus, ein Fuß zum Takt der Musik, werben umeinander, andere liegen gekrümmt und schlafen den Schlaf der Erschöpfung. Wie in einem Traum bewege ich mich darunter, denke: mein Leben ist wunderbar. Taumele, mit zuviel Getränk, immer weiter, höher, Hochgefühl berstet, zuviel Empfindung, da verlassen mich die Sinne, und es wird schwarz um mich.“

Und noch dazu erinnerte ich mich an einen Ausschnitt aus dem Steppenwolf, vielmehr nur ein Satz, der mir, ohne dass ich genau sagen könnte warum, sehr zu diesen Notizen passend schien, der ungefähr so lautete:

Das nächste Mal würde ich das Spiel mit den Figuren besser spielen.

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# 16. Jan 2007
Untitled – 0

Vergeh dich ruhig, vergeh dich an dir selbst und tu dir Gewalt an, meine Seele; doch später wirst du nicht mehr Zeit haben, dich selbst zu achten und zu respektieren. Denn ein Leben nur, ein einziges, hat jeder. Es aber ist für dich fast abgelaufen, und du hast in ihm keine Rücksicht auf dich selbst genommen, sondern hast getan, als ginge es bei deinem Glück um die anderen Seelen… Diejenigen aber, die die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolgen, sind zwangsläufig unglücklich.

(Selbstbetrachtungen, Marc Aurel)

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